Es war ein grossartiger Welttheatertag

Die ersten Neugierigen tummeln sich schon eine Viertelstunde vor Beginn des Welttheatertags vor dem Alten Schulhaus in Einsiedeln, und beim Auftakt um 9 Uhr 30 kann die Künstlerische Leitung des Welttheaters 2020 gleich hundert Interessierte begrüssen. Der Autor Lukas Bärfuss, der Regisseur Livio Andreina, der Choreograf Graham Smith, der Komponist Michael Wertmüller sowie Anna Maria Glaudemans, die für die Kostüme und die Raumgestaltung verantwortlich ist, präsentieren an vier Schauplätzen viermal während des ganzen Tages ihren Zuständigkeitsbereich, teils allein, teils zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Nein, «präsentieren» trifft die Sache nicht wirklich, denn sie involvieren die Leute, lassen sie deklamieren, singen, musizieren und sich bewegen.
Als Hanspeter James Kälin, Präsident der Welttheatergesellschaft, erwähnt, dass Lukas Bärfuss im November mit dem Georg-Büchner-Preis, dem wichtigsten Literaturpreis im deutschsprachigen Raum, ausgezeichnet werde, ermuntert das die Anwesenden zu einem überaus herzlichen Applaus. Der Autor ist gerührt und bekennt, dass das Welttheater für ihn etwas ganz, ganz Persönliches sei: «Es geht um Fragen, die mich, die mein Leben betreffen». Die Fragen seien einerseits die gleichen wie zu Calderóns Zeiten, andererseits aber auch neue. Den Glauben ans ewige Leben hätten nicht mehr alle, sie müssten den Sinn des Lebens im Diesseits finden und sich überlegen, was sie aus diesem Leben machen wollen, da sie nur dieses eine hätten.
 
«Hände hoch!»
 
Bärfuss erzählt, wie sich seine Fassung des Welttheaters entwickelt. Auf Plakaten sind die Rollen aufgelistet, die zu besetzen sind, zwölf grosse und zehn episodische Hauptrollen, vom ersten und zweiten Mondheber über den Narr und die Greisin bis zu Greta, die zum Schluss am grossen Fest der Jungen teilnimmt. Daneben gibt es zahlreiche Nebenrollen, die allen eine Chance bieten mitzumachen. Denn alle, die möchten, sollen dabei sein können. Und es sind viele, die möchten. Das spüren auch die Regie-Assistenzen Gian Leander Bättig, Nina Halpern und Rita Kälin-Kälin. Oder die Dramaturgin Judith Gerstenberg, die am Ende des Tages sagen wird, «dass sie der heutige Tag berauscht habe».
Bevor sich das Publikum in die Termine für Workshops und Castings sowie den Probenplan vertiefen kann, wird es von Livio Andreina aufgefordert, nach vorn zu kommen und die Hände zu erheben, die Arme zu lockern und Stimmübungen zu machen. Der Regisseur wird zum Dirigenten, der von der Hundertschaft präzise Einsätze verlangt, sie eine Folge von Silben artikulieren lässt, mal sanft, mal hart, mal leise, mal laut. Alle machen bereitwillig mit, lustvoll und im besten Sinn des Wortes hemmungslos.    
 
«Ihr töned ja mega schön!»
 
Auch jene, die auf dem Klosterplatz nächstes Jahr singen wollen, dürfen jetzt im Musikzimmer des Schulhauses Furren keine Hemmungen haben. Umgeben von grossen Blättern, auf denen die Schülerinnen und Schüler erklären, was Rock und Punk, was Techno und Rap ist, üben die Sängerinnen und Sänger den «Chor der Werktätigen» ein, den ihnen Michael Wertmüller und sein Musikalischer Dramaturg Marino Pliakas vorgelegt haben. Der Gesang wirkt komplex, die Anforderungen erscheinen dem Laien als hoch, aber die 90 Frauen (Mehrheit) und Männer (Minderheit) tun ihr Möglichstes und applaudieren sich unter Gelächter selbst, wenn acht Takte so gut gelingen, dass ihnen die Dirigentin Agnes Ryser ein Kompliment macht.
Ihre Kollegin Susanne Theiler leitet dann am Nachmittag eine gemeinsame Probe mit den Musikerinnen und Musikern, die sich am Vormittag separat mit dem Notenmaterial vertraut gemacht haben. Die Bemerkung eines Bläsers, dass eine bestimmte Tonfolge «nicht üblich» sei, dürfte den Schöpfer der Musik amüsiert haben. Ihm schwebt offensichtlich eine Welttheater-Musik vor, die bisher nicht üblich war, und er fühlt sich nach der Probe ermuntert, in der vorgegebenen Richtung weiter zu komponieren. Eine Sängerin hat zwar Respekt, meint aber, es sei halt «wie eine neue Sprache lernen».

«Die helfende Hand»
 
Alles in allem dürften etwa 350 Besucherinnen und Besucher am Welttheatertag anwesend sein. Ein Teil davon findet auch den Weg ins Untergeschoss des Einsiedlerhofs, wo an den Wänden eines Zimmers zahlreiche Haken und Namensschilder davon zeugen, dass hier während der Spielzeit 2013 die Mikrofone der Mitwirkenden hingen. Weiter hinten trifft man auf Anna Maria Glaudemans, zusammen mit Lukas Kälin, dem Technischen Leiter, und Fredi Trütsch, der sie bei den Bauten unterstützt. Sie zeigt, wie die Bühne und die zum ersten Mal überdachte Tribüne aussehen werden. Vieles sei noch nicht definitiv entschieden, sie hätte tausend Wünsche, die ihr nicht alle erfüllt werden könnten. Am Welttheatertag sei aber das Wichtigste, helfende Hände zu finden. Im Hintergrund brauche es Leute, die nähen und bügeln, die schminken und kämmen, die bringen und holen, die ziehen und stossen. Wer sich nicht auf der Bühne exponieren möchte, hat viele Möglichkeiten, hinter den Kulissen aktiv zu sein: Licht, Ton, Technik, Bauten, Requisiten, Administration, Platzanweisung oder Kinderbetreuung.
 
«Bewegtes Welttheater»
 
An einem separaten Ort – eingerichtet von Produktionsleiterin Claudia Capecchi – können sich jene, die sich vom Welttheater-Virus anstecken lassen, anmelden und in einem Zelt bzw. im «El Restaurante Calderón» verpflegen. Wer nicht zu viel Paella oder Kuchen gegessen hat, begibt sich unbeschwert in die Turnhalle, wo der Choreograf Graham Smith wartet. Zwanzig Barfüsser, davon drei Männer und drei Kinder, animiert er zuerst zu Lockerungsübungen. Da werden Hände gedehnt, Füsse geschüttelt, Arme geschwungen. Anspruchsvoller wird es dann bei den Übungen. Zunächst soll man paarweise die Bewegungen des Gegenübers wie in einem Spiegel imitieren. Dann erhält jedes Paar den Auftrag, eine Abfolge von vier Bewegungen zu entwickeln und diese zu memorieren. Und der Betrachter glaubt jetzt zu wissen, wie im Ballett eine Choreografie erarbeitet und eingeübt wird. Die Leute machen auch hier lustvoll mit und freuen sich vielleicht schon auf die Workshops an vier Wochenenden von September bis November. Eine junge Frau, der die Freude ins Gesicht geschrieben steht, trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem passenden Aufdruck für alle, die sich nicht, wie 200 andere, am Welttheatertag angemeldet haben, sondern noch unschlüssig sind: «Start now!»

 
Walter Kälin
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