Eindringlich und unverwechselbar

Der mehrfach ausgezeichnete und international auch als Dozent gefragte Grafikdesigner folgt bei seiner künstlerischen Tätigkeit keinem Plan, sondern seiner Intuition. Der 75-jährige Solothurner, der seit den 60er-Jahren in Lausanne lebt, sagt von sich, dass er chaotisch arbeite.

Von Walter Kälin

Eigentlich lag das Buch «Der Vatikan und seine Kunstschätze» aus dem Jahr 1962 schon in einer Ecke, um demnächst entsorgt zu werden. Denn auch Werner Jeker muss hie und da Platz für Neues schaffen. Auf der Suche nach dem Porträt einer jungen Frau nahm er den Band aber noch einmal zur Hand und stiess beim Blättern auf ein Gesicht, das ihn packte. Vor allem der verklärte Blick liess ihn nicht mehr los. Er sah das Potenzial des Bildes, wollte sofort damit arbeiten und gar nicht erst nachforschen, wer es gemalt hat. Wichtig sei für ihn gewesen, dass vor seinem inneren Aug spontan ein Film ablief, wie das bei ihm häufig der Fall sei, sagt er heute, ein knappes Jahr, nachdem ihm Autor Lukas Bärfuss und Regisseur Livio Andreina von ihrem Welttheater erzählt hatten. So wusste Jeker also nicht, dass es sich um einen Ausschnitt aus dem Bild «Deposizione dalla croce» (Kreuzabnahme) von Michelangelo Merisi da Caravaggio handelt. Das vor 400 Jahren entstandene Gemälde gilt als eines der wichtigsten Werke Caravaggios und befindet sich heute in den Vatikanischen Museen.
 
«Für mich ist ein Plakat gut, wenn es bei der Person, die es betrachtet, eine Geschichte in Gang bringt», sagt der Grafiker, dessen Werke vom Eidgenössischen Departement des Innern schon mehrfach als «Schweizer Plakat des Jahres» ausgezeichnet wurden. «Ich erzähle mir jeweils selber Geschichten, wenn ich an der Arbeit bin. Daraus entwickeln sich dann 50 oder gar 100 Variationen eines Entwurfs.» Mit der Vervierfachung des Gesichts zielt er auf die Geschichte, die im diesjährigen Welttheater gespielt wird, die Stationen einer Frau über mehrere Generationen hinweg. Mit den Kreisen hat er das noch akzentuiert. Diese seien aber erst im Lauf der Arbeit dazu gekommen, weil er «total chaotisch» vorgehe. Zuerst seien es Rechtecke gewesen, erst später Kreise, Lebenskreise. Die grafischen Elemente wiederum, die er über die Gesichter und die Kreise legte, würden den Lauf der Zeitgeschichte symbolisieren.
 
Seit seiner Zeit als Stift lässt sich Werner Jeker von Büchern inspirieren. «Wenn ich nicht weiss, was genau ich suche, gehe ich in die Bücher. Viele gehen heute ins Internet, ich gehe in die Bücher.» Und ausgerechnet im Zusammenhang mit Einsiedeln ist er auf eine Maria gestossen? Zufall! Diese Maria ist ihm zugefallen. Es ist aber nicht etwa die Jungfrau Maria, die hier zu sehen ist, auch nicht Maria Magdalena, sondern die dritte Maria auf Caravaggios Gemälde: Maria Kleophae. Sie soll eine Jüngerin Jesu gewesen sein und wird im Neuen Testament als eine von drei Marien erwähnt, die unter dem Kreuz gestanden seien. Vor Mexiko erinnern im Pazifik drei Inseln, die Islas Marías, an diese drei Marien, die María Madre, die María Magdalena und die María Cleofas. Es ist die kleinste der Islas Marías, die ihren Namen der María Cleofas verdankt. Und es dürften unter uns nur wenige sein, die je von dieser Maria Kleophae gehört oder gelesen haben. Nun prägt sie das Plakat für das «Einsiedler Welttheater» 2020, das diesen Sommer auf dem Klosterplatz aufgeführt wird, dort, wo der Brunnen steht, der von vielen Marienbrunnen genannt wird, von der Einsiedler Bevölkerung aber eher Frauenbrunnen. Ob Marien oder Frauen: Das Plakat passt.

Von Walter Kälin
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