Wo Bärfuss draufsteht, ist nicht nur Bärfuss drin

Lukas Bärfuss, der das «Einsiedler Welttheater» für die Spielzeit 2020 geschrieben hat, betont gern, dass neben seiner und der Urheberschaft Calderóns auch die Inputs der Künstlerischen Leitung das Spiel mitprägen würden. Das Welttheater sei auf allen Ebenen ein Teamwork.

Von Walter Kälin

Wenn die Premiere am 17. Juni über den Klosterplatz geht, werden es drei Jahre her sein,seit der Vorstand der Welttheatergesellschaft bekanntgegeben hat, dass Lukas Bärfuss dieNeufassung schreiben und Livio Andreina das Stück inszenieren wird. In dieser Zeit hat der Autor nicht (nur) im sprichwörtlichen stillen Kämmerlein geschrieben, sondern das Projekt Welttheater in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur und später mit der gesamten Künstlerischen Leitung weiterentwickelt. In zahlreichen Gesprächen, Sitzungen und Klausurtagungen dachten und diskutierten auch Judith Gerstenberg (Dramaturgie), AnnaMaria Glaudemans (Kostüm- und Raumgestaltung), Graham Smith (Choreografie) und Michael Wertmüller (Musik) mit.

Bei einer ganztägigen Sitzung Ende Januar bei Lukas Bärfuss zu Hause in Zürich darf ich kiebitzen. Es fehlt Judith Gerstenberg, dafür sind der musikalische Dramaturg Marino Pliakas dabei und wie immer die Produktionsleiterin Claudia Capecchi, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Die Stimmung ist äusserst animiert, nicht nur, weil das erste Probenwochenende gut verlaufen ist, sondern auch wegen des aufgetischten Fasnachtsgebäcks aus Einsiedeln und – das wird sofort deutlich – weil man sich mag. Als alle mit Getränken versorgt sind, werden die noch offenen Fragen angegangen oder die Baustellen inspiziert, die sich nach den ersten Proben ergeben haben. «Ich habe beim Durchlauf des Prologs und der ersten beiden Bilder gesehen, was funktioniert und was nicht, wo es noch Text oder wo es Musik braucht», sagt Lukas. Die Gruppe beschliesst, das ganze Stück Szene für Szene durchzugehen und vor allem auf die Übergänge zu achten. Zum Beispiel die Verwandlung des kleinen Pablo zum jungen Mann und der kleinen Emanuela zur jungen Frau. Alle empfanden die Szene bei der Probe als berührend und sind begeistert, als Michael die Musik dazu auf dem Computer ertönen lässt. Sie wird später bei jeder Verwandlung der Hauptfiguren von einer Oboe gespielt. «Die Melodie lässt sich beliebig verlängern», sagt er zu Livio, «so dass du bei der Gestaltung der Szenen nicht eingeschränkt bist».

Die Auseinandersetzung mit dem Stoff des barocken Spiels, mit den Fragen des Welttheaters war Lukas und der ganzen Künstlerischen Leitung von Anfang an wichtig. Die gemeinsamen Diskussionen in den vergangenen Monaten haben Unklares geklärt, Knoten gelöst, das Stück vorangebracht. Fragen zur Raumgestaltung können sich auf den Inhalt auswirken, Überlegungen zur Choreografie auf den Verlauf der Handlung. Und entscheidend ist, dass die einzelnen Szenen dramaturgisch richtig aufgebaut und für das Publikum verständlich sind. «Etwas ist verkehrt», stellt Lukas fest, als vom Gang in die Unterwelt die Rede ist. «Sie darf ihn im Sarg nicht sehen, das ist falsch, sondern erst im Totenreich». Also muss die Szene umgeschrieben werden. Vielleicht wird Emanuela dann etwas sagen, was Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, zugeschrieben wird. Lukas schlägt den Ausspruch nach, mit dem dieser nach einem Krieg die Hinrichtung von 300 Senatoren und Rittern besiegelte: «Moriendum esse, es muss gestorben werden.»

Ich nehme an, dass an jenem Januartag noch da und dort Änderungen diskutiert wurden, aber ich verabschiede mich nach knapp drei Stunden, weil ich nicht zu viel erfahren will, das ich Ihnen, den künftigen Besucherinnen und Besuchern des Welttheaters, ohnehin nicht verraten möchte. Und überhaupt: Abeundum esse, man muss auch verschwinden können.
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