Die Muttergottes und der heilige Meinrad

Der Erzengel Michael hat es bis in die Aufführungen des Jahres 1970 geschafft, die Hohe Frau trat fünf Jahre vorher zum letzten Mal auf, und der heilige Meinrad brachte es nicht über die allerersten Spielzeiten hinaus. Allen drei stummen Figuren ist gemeinsam, dass sie im spanischen Original «El gran teatro del mundo» gar nicht vorkommen. Auch nicht in der deutschen Übertragung von Joseph von Eichendorff. Sie waren sozusagen eine Einsiedler Spezialität und wurden von Peter Erkelenz und Linus Birchler auf die Bühne gestellt, von den beiden Männern also, die «Das grosse Welttheater» in Einsiedeln von Anfang an geprägt haben.
 
Wie Michael gehörten auch die Muttergottes und der heilige Meinrad zur Entourage des Meisters. Der Gedanke, «ins Spiel leise etwas Einsiedlisches einzuflechten», sei schon früh aufgetaucht, erinnerte sich Linus Birchler später. Und so las man denn im Textbüchlein für die Spielperiode von 1925: «Man sieht den Meister mit Purpurmantel und dreifacher Krone auf einem Thronsessel, neben ihm die Gnadenmutter von Einsiedeln und den heiligen Meinrad sitzen. Alles kniet nieder.» Dieses Gefolge verstärkte den «ausgesprochen sakralen Charakter, der den Meister als Gott erkennbar machen sollte», wie Detta Kälin im Katalog zur Ausstellung «Dem Meister ein Spiel» (Museum Fram 2013) festgehalten hat. Dazu in der gleichen Publikation Fiona Gruber: «Calderóns ‘Grosses Welttheater’ war in Einsiedeln ebenso ein Schauspiel wie ein Gottesdienst».
 
Während der heilige Meinrad 1930 wieder aus dem Stück herausgeschrieben wurde, erhielt die Hohe Frau im letzten Teil des Spiels mehr Gewicht. Wenn am Schluss der Meister die Schönheit und den Landmann warten lässt, bis sie an seinem Tisch mit ihm speisen dürfen, besinnt sich der Landmann auf die Muttergottes, die er doch im Angesicht des Todes angerufen hat: «Hohe Frau, o jetzt gedenke, dass ich stets auf dich vertraut.» Sie soll nun seine Fürsprecherin vor dem Herrn sein. Der Appell trägt Früchte, die Hohe Frau macht einen Schritt auf den Landmann zu, reicht ihm die Hand «und führt ihn hinan».
 
Walter Kälin
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