Brandheisse Szenen mitten im Spiel

Wenn man heute von «heissen Szenen» spricht, dann sind damit solche gemeint, die früher «für Jugendliche nicht geeignet» waren. Und wenn im Titel zu dieser Geschichte «brandheisse Szenen» versprochen werden, sollten sie eigentlich topaktuell sein. Sind sie aber nicht. Die Rede ist von einer Episode, die in einer Welttheater-Vorstellung der ersten Spielzeit brandgefährlich war. Sie ereignete sich am 30. August 1924. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete darüber am 1. September 1924 in der Rubrik «Unglücksfälle und Verbrechen».
 
Das Spiel sei schon weit fortgeschritten gewesen, die Engel hätten das «Dies irae» intoniert, «als mit einem Male auf der linken Arkadenseite ein Zivilist erschien, mit raschen Schritten auf das Thronportal zuging und sich in der linken Seitennische zu schaffen machte. Im ersten Moment musste man glauben, dass irgendein Beleuchtungseffekt versagt hatte und behoben werden sollte. Zu dieser Annahme trug die Haltung des in der Nische unbeweglich verharrenden Erzengels bei.»
 
Das Publikum konnte auch im späteren Verlauf des Zwischenfalls nicht klar zwischen Spiel und Ernst unterscheiden. Denn als der Mann «zwei-, dreimal ein Streichholz anzuzünden schien, war man geneigt, an eine vorgeschriebene Illumination zu denken, die den Worten ‘Solvet saeclum in favilla’ drastischen Ausdruck verleihen sollte.» So kam es, dass das Publikum auch im Moment, «als das Feuer aufschlug», noch nicht merkte, dass es sich um einen Brandanschlag handelte. Die Situation klärte sich erst, als «von allen Seiten wachthabendes Personal gelaufen» kam, der Brandstifter am Kragen gepackt und abgeführt wurde. «Das Publikum sass, nachdem es begriffen hatte, dass ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher den Brand angelegt hatte, atemlos da. Als das Spiel fortgesetzt wurde, ging sichtliche Erleichterung durch die dunklen Reihen. Nachher stürzte alles hinauf und erfuhr, dass der Unbekannte mit einer Petroleumflasche sich aus dem Zuschauerkreis im Dunkeln hinaufgeschlichen hatte.»
 
Musikalische Kenntnisse und einen Sinn für gutes Timing muss man dem Brandstifter lassen. Er schritt während des «Dies irae» zur Tat und legte den Brand beim Vers «Solvet saeclum in favilla», was man frei so übersetzen könnte, dass am Tag des Zorns alles in Schutt und Asche gelegt wird. 
 
Walter Kälin
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